{"id":173,"date":"2013-04-21T14:46:32","date_gmt":"2013-04-21T12:46:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martinkoos.de\/blog\/?p=173"},"modified":"2015-11-26T19:00:47","modified_gmt":"2015-11-26T17:00:47","slug":"neue-szenen-deutsche-oper-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.martinkoos.de\/blog\/neue-szenen-deutsche-oper-berlin\/","title":{"rendered":"Neue Szenen &#8211; Deutsche Oper Berlin"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Sicht III &#8222;Wie man findet, was man nicht sucht&#8220;<\/strong><\/h2>\n<p>Inszenierung von Michael H\u00f6ppner<br \/>\nKritik zum St\u00fcck im Tagesspiegel:<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-mutbuergerin\/8041218.html\" target=\"_blank\"> www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-mutbuergerin\/8041218.html<\/a><\/p>\n<h2><strong>Bilder von der Presseprobe<\/strong> <strong>(April 2013)<\/strong><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">*****<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong>Michael H\u00f6ppner zu seiner Inszenierung<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p><em>Sehr sehr oft kommen Mitglieder des Deutschen Bundestages in die Redaktion der Nowaja Gaseta zu uns, auf eigenen Wunsch, mit Reportern, Fotografen und allem. Sie melden sich an, sie m\u00f6chten mit uns ein Gespr\u00e4ch haben. Wir nehmen uns die Zeit, setzen uns hin, f\u00fchren stundenlange Gespr\u00e4che mit ihnen, erkl\u00e4ren ihnen Russland von A bis Z, von vorne bis hinten, und was ist das Resultat? Es passiert nichts, rein gar nichts. Sobald es um konkrete Fragen geht, um einen aktiven Beitrag, fl\u00fcchten sie sich in hohle Phrasen, schlie\u00dflich haben unsere Schilderungen den Bedarf an politischer Exotik bereits gedeckt.<\/em> (A. Politkowskaja, 2004)<\/p>\n<p>Das Leben, Wirken und der gewaltsame Tod Anna Politkowskajas schienen mir zun\u00e4chst in Form einer klassischen M\u00e4rtyrerlegende darstellbar zu sein: Eine Frau, die ihre Aufgabe h\u00f6her stellte als ihr Leben, die sich f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung opferte, die nicht blo\u00df im Beruf, sondern an ihrer Berufung starb, allen Gefahren und ihren Feinden die Stirn bot, in die man schoss, und die ihre Ermordung in Aus\u00fcbung einer selbst auferlegten Pflicht in Kauf nahm.<\/p>\n<p>Meiner Ansicht nach macht das den Kern unserer Faszination f\u00fcr Anna Politkowskaja aus. Die Emp\u00f6rung \u00fcber die mutma\u00dflichen T\u00e4ter und die Verz\u00fcckung \u00fcber ihre Passion halten sich die Waage. Die Begeisterung f\u00fcr Anna Politkowskaja und die Anteilnahme an ihrem Schicksal sind in der westlichen Medien\u00f6ffentlichkeit allgemein und ungeteilt. Alle Nachrufe, Preisreden und Meldungen zeugen davon. Die Verehrung und Lobpreisung dieser beeindruckenden Journalistin ist sogar derart \u00fcberschwenglich und einhellig, dass man sich unwillk\u00fcrlich fragt, ob sich darin nicht mehr ausdr\u00fcckt, als blo\u00df das ins Mythische \u00fcberh\u00f6hte Heldentum einer konkreten Person.<\/p>\n<p>M\u00e4rtyrer sind immer Vorbilder, die eine gesellschaftliche Funktion erf\u00fcllen und kollektive Bed\u00fcrfnisse befriedigen. M\u00e4rtyrerlegenden verraten daher mindestens genauso viel \u00fcber diejenigen, die sie verbreiten und an sie glauben, wie \u00fcber die M\u00e4rtyrer selbst. Meine Vermutung ist, dass M\u00e4rtyrer Stellvertreterfiguren sind, deren Handeln, Leiden und gewaltsamer Tod f\u00fcr etwas einstehen bzw. etwas stellvertretend vollziehen, was denen, die das Martyrium bewundern, nicht gelingen will, was sie vielleicht sogar unterlassen. M\u00e4rtyrer sind sozusagen Handlungsbevollm\u00e4chtigte und Leidensbeauftragte. In diesem Sinne best\u00fcnde die Vorbildfunktion des M\u00e4rtyrers also gar nicht in einem Appell, es ihm gleich zu tun oder in seinem Sinne zu handeln, sondern im Gegenteil darin, gerade nicht so handeln zu m\u00fcssen, weil ein bestimmtes, zumeist unangepasstes und widerst\u00e4ndiges aber gleichsam notwendiges Handeln f\u00fcr einen bereits erledigt und mit dem Leben bezahlt wurde. In diesem Fall ersetzt die W\u00fcrdigung des Martyriums dessen Nachvollzug. Hierbei handelt es sich zugegebenerma\u00dfen um eine friedliche und zivilisierte Form des M\u00e4rtyrerkults, unproblematisch ist sie deshalb nicht.<\/p>\n<p>Im konkreten Fall denke ich n\u00e4mlich, dass Anna Politkowskaja gerade deshalb wie eine Heilige verehrt wird, weil sie als Journalistin etwas auf sich nahm, was die gro\u00dfe Mehrheit der Journalisten nicht mehr imstande oder willens ist zu leisten, wof\u00fcr der politische Journalismus in unserem Verst\u00e4ndnis aber steht: eine kritische, unabh\u00e4ngige und allein der Wahrheit verpflichtete \u00f6ffentliche Kontrolle und Korrektur der Macht zu sein; und zwar nicht allein in Diktaturen, sondern auch und gerade in Demokratien. Meiner Ansicht nach verschwindet dieser ideale Anspruch zunehmend hinter den heutigen Praktiken der herrschenden Medienindustrie, die zum Marktplatz des blo\u00dfen Infotainment geworden ist, aber keinesfalls mehr kritische \u00d6ffentlichkeit im emphatischen Sinne herstellt. Jedenfalls stelle ich mir unter kritischem politischen Journalismus etwas anderes vor, als beispielsweise mit gleichgeschalteten Kampagnen unliebsam gewordene Politiker durch Enth\u00fcllungen l\u00e4cherlicher Aff\u00e4ren zum R\u00fccktritt zu zwingen.<\/p>\n<p>Im kollektiven Betroffenheitsreflex angesichts des Todes Anna Politkowskajas wird nun der Versuch unternommen, die verlorene Berufsehre hochzuhalten: Hier hat eine f\u00fcr uns im Namen l\u00e4ngst vergessener Ideale gehandelt und das mit dem Leben bezahlt. Die Anbetung ihrer Unbestechlichkeit l\u00e4sst dabei die eigene Korrumpierbarkeit, die Verherrlichung ihrer kompromisslosen Kritik den eigenen Opportunismus vergessen. Hinter der R\u00fchmung ihrer radikalen Wahrheitssuche verschwinden die eigenen Halbwahrheiten und L\u00fcgen, ihre Tugend \u00fcberstrahlt die eigene Gewissenlosigkeit. Die Anklage ihrer m\u00e4chtigen Feinde tr\u00f6stet dar\u00fcber hinweg, dass man selbst zu den M\u00e4chtigen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>So sonnt sich der Journalistenstand im Heiligenschein einer Kollegin, der auch noch die Tatsache \u00fcberstrahlt, dass es ihresgleichen unter Journalisten kaum mehr gibt. Zumindest haben wir mit Anna Politkowskaja eine M\u00e4rtyrerin, mit der wir uns identifizieren k\u00f6nnen im Gegensatz zu jenen M\u00e4rtyrerinnen, mit denen sie im Moskauer Dubrowka-Theater \u00fcber die Freilassung von Geiseln verhandelte und die den m\u00e4chtigen Medien als Komparsen bei der Inszenierung einer profitablen Drohkulisse namens Internationaler Terrorismus dienen.<\/p>\n<p>So nachvollziehbar die Heiligenverehrung der Anna Politkowskaja ist, so problematisch ist sie: Nicht allein, dass sie uns eine kritische Selbstbefragung erspart, die sich aufdr\u00e4ngen m\u00fcsste, wenn wir Anna Politkowskajas hoch gesetzte Ma\u00dfst\u00e4be an uns selbst anlegten, vielmehr missverstehen wir auch ihre Botschaft, wenn wir sie anhimmeln: Nicht Preise, Auszeichnungen und Aufmerksamkeit f\u00fcr ihre Person wollte Anna Politkowskaja, sondern einen aufrichtigen und engagierten Kampf gegen jene Missst\u00e4nde, \u00fcber die sie schrieb. Der Tschetschenienkonflikt ist heute nahezu vergessen, die krassen Verwerfungen innerhalb der russischen Gesellschaft scheren uns nicht, aber der Kult um ihre Person wirkt weiter, mit den besten Absichten zugegeben und dennoch nicht zuletzt dem Medienmarktgesetz der sensationellen Personalisierung unterworfen.<\/p>\n<p>Ich mache mir diese Gedanken, weil die Verwandlung Anna Politkowskajas in eine B\u00fchnenfigur unwillk\u00fcrlich der Gefahr ausgesetzt ist, sie zur blo\u00dfen Ikone zu stilisieren und sich mithin der beschriebenen Tendenz des Umgangs mit dem Thema einfach anzuschlie\u00dfen. Ich fand es daher naheliegend, diesen \u00f6ffentlichen Umgang mit ihrem Fall selbst zum Gegenstand meiner Inszenierung machen. Eine in ihrer Dialektik bestechend klarsichtige Dramatisierung einer \u00e4hnlichen M\u00e4rtyrerlegende findet sich bei Brecht: Die Heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe, die sich aus echter Anteilnahme und selbstlosem Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Armen und Unterdr\u00fcckten einsetzte und sich in deren Namen mit den M\u00e4chtigen anlegte, wird letztlich von ebenjenen M\u00e4chtigen heiliggesprochen und so um ihre Wirksamkeit gebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Michael H\u00f6ppner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicht III &#8222;Wie man findet, was man nicht sucht&#8220; Inszenierung von Michael H\u00f6ppner Kritik zum St\u00fcck im Tagesspiegel: www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-mutbuergerin\/8041218.html Bilder von der Presseprobe (April 2013) &nbsp; &nbsp; &nbsp; ***** Michael H\u00f6ppner zu seiner Inszenierung Sehr sehr oft kommen Mitglieder des Deutschen Bundestages in die Redaktion der Nowaja Gaseta zu uns, auf eigenen Wunsch, mit Reportern, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":""},"categories":[31,1],"tags":[35,34,21,33,18],"jetpack_featured_media_url":"","yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v15.6.2 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Neue Szenen - Deutsche Oper Berlin &#8902; Martin Koos Fotografie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Hochzeitsfotograf Berlin. 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